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Vorbeugen gegen sexuelle Gewalt - ein gesellschaftliche Problem, welches Frauen immer noch zu lösen haben
Was heisst Vorbeugen?
Oder: Wie können Sie sich besser vor sexueller Gewalt und sexistischer Respektlosigkeit schützen?
Vorweggenommen: Es gibt keine Patentrezepte, denn einen totalen Schutz,
einen absolute Sicherheit gibt es nicht. Jede Belästigungs- und
Bedrohungssituation ist geprägt vom Täter, den äusseren Umständen und
dem potentiellen Opfer. Wir möchten Sie im folgenden einladen, sich ein
wenig mit Ihrer eigenen Sicherheit auseinander zu setzen. Sexuelle
Gewalt und der alltägliche Sexismus sind Gegebenheiten in jedem
Frauenalltag. Es braucht aber ausser den individuellen Anstrengungen
einer jeden Frau tiefgreifende gesellschaftliche Anstrengungen, um das
geschlechtsspezifische Machtgefälle zwischen Männern und Frauen positiv
zu verändern. Dieses Machtgefälle ist die Voraussetzung dafür, dass
sexuelle Gewalt in diesem Mass überhaupt erst möglich ist.
Vorbeugemassnahmen dürfen sich somit nicht in Ratschlägen für Frauen
erschöpfen, sondern müssen auch auf gesellschaftlicher und politischer
Ebene verfolgt werden. Eine sinnvolle Vorbeuge kann unserer Meinung
nach nicht nur das Weiterreichen wohlgemeinter Tipps heissen: Es gilt,
persönliche Gewohnheiten und Vorurteile zu überdenken und
gegebenenfalls zu verändern, sich selber mit offener oder versteckter
Furcht auseinander zu setzen und wachsamer zu werden.
Sicherheitstipps, die die persönliche Bewegungsfreiheit von Frauen
einschränken, sind nicht in unserem Sinn und nur bedingt wirkungsvoll.
Demgegenüber verstehen wir unter Vorbeugen unser Wissen so einzusetzen,
dass wir einen erweiterten Handlungsspielraum entwickeln, d.h.
verschiedene Verhaltensweisen "auf Lager haben", die je nach Bedarf
eingesetzt werden können. Die abrufbereiten Reaktionen sind auf die
Möglichkeiten und Stärken einer jeden Frau abgestimmt.
Vorbeugemassnahmen erfolgen auf mehreren Ebenen:
1. Die Basis des Vorbeugens ist Wissen - Wissen wo, wann und wie sexuelle Gewalt auftreten kann.
Tatsache
ist, dass sich sexuelle Gewalt immer und überall ereignen und sich
gegen jede Frau unabhängig von Alter, Aussehen, Beruf u.a. richten
kann. Die meisten Gewaltakte werden von vertrauten Tätern an vertrauten
Orten verübt. Die Angriffe werden geplant und sind meist
Wiederholungstaten. Tatsache ist auch, dass Frauen und Mädchen, die
sich gegenüber Angriffen wehren, eine weitaus grössere Chance haben,
einem Übergriff zu entkommen: Kein Angreifer wird ohne Grund seine
Absicht ändern. Erkundigen Sie sich und setzen Sie sich weiter mit
sexueller Gewalt auseinander, damit Sie wissen, worum es dabei geht.
2. Der Gefahr ins Auge sehen - konkrete Gefahren erkennen und einschätzen.
Um
die Passivität des Opfers aufzugeben und mit der aufkommenden Panik
umgehen zu können, müssen Sie zuallererst ihr Gefühl in der Situation
wahrnehmen. Dies befähigt sie schon sehr früh, die Quelle ihres
Unbehangens genauer zu betrachten und somit den möglichen Täter und die
Situation besser einzuschätzen. Sie werden bei einem tatsächlichen
Angriff nicht überrumpelt. Auf dieser Grundlage können Sie dann
Entscheidungen treffen, unter Berücksichtigung der äusseren
Gegebenheiten und der eigenen psychischen Verfassung und Möglichkeiten.
Trauen Sie immer diesem Gefühl - meistens täuscht es nicht. Es
signalisiert sehr früh "hier stimmt etwas nicht". Ignorieren Sie es
nicht, auch wenn es auf den ersten Blick bequemer scheint. Warngefühle
reagieren schon bevor überhaupt tatsächlich etwas Gewaltsames geschehen
ist, bevor "es" objektiv klar ist. Warten Sie nicht so lange bis Sie
sicher sind, sich ja nicht lächerlich zu machen!
3. Vorkehrungen zum persönlichen Schutz treffen.
Es werden im
Folgenden beispielhaft zwei Situationen geschildert. Die Auswahl soll
Ihre Neugier und Motivation wecken, sich weiter damit zu beschäfigen,
und die Freude, Ihre eigenen Ideen zu entwickeln und zu fördern. Zur
weiteren Information empfehlen wir die Broschüre "Angst beginn im Kopf
- Mut auch (Herausgeberin: Sozialamt der Stadt Zürich, Kontaktstelle
Opferhilfe) und das Buch "Schlagfertige Frauen - erfolgreich wider die
alltägliche Gewalt" (Herausgeberinnen: D. Caignon und G. Groves, Orlanda Frauenverlag, Berlin 1990).
Beispiel A: Belästigung am Telefon
Der belästigende Anrufer will seine Opfer demütigen, verängstigen,
erpressen und bedrohen. Durch die bei der betroffenen Frau ausgelösten
Gefühle wie Angst Scham und Panik kann er sein Machtgefühl befriedigen
und sein Selbstwertgefühl heben. Die Telefonanrufe können verschiedene
Inhalte haben: von leisem Stöhnen, perversen Angeboten bis hin zu
massiven Beschimpfungen, Erpressungen, Vergewaltigungs- und
Morddrohungen kommt alles vor. Häufig gibt sich der Täter als Vertreter
offizieller Stellen aus, z.B. als Polizist oder Meinungsbefrager. So
können Sie sich dagegen wehren:
- Erscheint Ihnen der Anruf merkwürdig, dann
kontrollieren Sie ihn durch einen Rückruf, geben Sie nie persönliche
Informationen an Unbekannte
- Sofort auflegen
- Oder Trillerpfeife neben das Telefon legen und kräftig in den Hörer pfeifen
- Oder auch: Gespräch mit dem Anrufer beginnen, um Angaben zu seiner Person zu erhalten
- Oder: experimentieren Sie selber! Sie sind nicht unmittelbar gefährdet
- Ruhig bleiben, nicht ängstlich reagieren, denn genau dies ist die Absicht des Täters
- Erfahrungen mit anderen Frauen austauschen und/oder Kontakt mit Fachfrauen der Beratungsstelle aufnehmen
- Fangschaltung oder Geheimnummer beantragen
- Anzeige bei der Polizei erstatten und gegebenenfalls Anwältin beiziehen
Beispiel B: Sexuelle Belästigung im öffentlichen Verkehrsmittel
Belästigungen im Tram, Bus oder Zug sind vielen Frauen bekannt und
können sich folgendermassen abspielen: Anstarren, verbale
Belästigungen, eine Frau wird auf dem Sitz resp. Beim Stehen körperlich
bedrängt, exhibitionistisches Verhalten, eine Frau fühlt sich beim
Aussteigen verfolgt. So können Sie sich dagegen wehren:
- Setzen Sie sich von vornherein in die Nähe des Fahrzeugfahrers, wenn Sie sich da sicherer fühlen
- Oder setzen Sie sich in die Nähe von anderen (weiblichen) Fahrgästen
- Stellen Sie ihre Tasche als Barriere zum Nachbarsitz auf
- Fragen Sie den Belästiger direkt, ob er einen Grund hat, Sie ständig anzustarren
- Oder weisen Sie die aufdringliche Person lautstark in Grenzen
- Wichtig bei beiden Vorschlägen: Seien Sie so laut,
dass die anderen Fahrgäste es hören. Wenn Sie möchten, können Sie dies
in höflicher und/oder humorvoller Weise ausdrücken. Siezen Sie den
Belästiger dabei
- Wechseln Sie den Platz
- Informieren Sie das Fahrpersonal
- Fordern Sie andere Personen direkt zur Hilfe auf, am bestem mit möglichst konkreten Handlungsanweisungen
- Konfrontieren Sie den vermutlichen oder
tatsächlichen Verfolger in Anwesenheit anderer Fahrgäste, lassen Sie
ihn vorbeigehen oder fordern Sie ihn höflich auf, vorauszugehen
- Hat eine Nachbarin oder Passantin den gleichen Nachhauseweg?
4. Die eigenen Stärken und Schwächen kennen
- Fragen Sie sich: "Wie gehe ich mit Belästigungssituationen um?" Beobachten Sie sich im Alltag.
- Stellen Sie sich die hier beschriebenen und sonstige
Situationen konkret vor, überlegen Sie sich weitere Hilfsquellen und
nutzen Sie alles, was ihnen hilft. Bereiten Sie sich geistig auf
mögliche Gefahrensituationen vor und schätzen Sie dabei Ihre
persönlichen Stärken und Ihren Einfallsreichtum ein. Tauschen Sie mit
anderen Frauen ihre Erfahrungen aus.
- Besuche Sie einen Selbstverteidigungskurs, z.B. an einem Wochenende. Es gibt speziell für Frauen entwickelte Kurse wie Wen-Do.
- Seien Sie bereit, für sich zu kämpfen: "Mit mir
nicht!", mit Händen und Füssen, Knien und Ellbogen, Fingernägeln und
Zähnen, Herz, Geist, Wut und Stolz. Meist ist nicht die Kraft wenig
entwickelt, sondern das Bewusstsein der eigenen Stärke. Oft trauen
Frauen sich nicht, ihre Kraft auch gegen jemand anderen einzusetzen:
eine Art "weibliche Schlaghemmung", ein "nicht den anderen verletzen
wollen". Lassen Sie anstelle eines zögernden, angedeuteten Sich Wehrens
ein eindeutiges, massives Wehren für mich treten. Dabei hilft üben,
üben, üben.
Der nahestehende Täter:
Die oben angeregten Veränderungen der Gewohnheiten und Einstellungen
sind noch schwieriger in der Umsetzung, wenn die Gewalt durch eine
nahestehende Person ausgeübt wird. Hier ist nicht mehr von Vorbeugung
die Rede, sondern vom Stoppen einer ewig dauernden Wiederholung.
Emotionale und materielle Abhängigkeiten erschweren eine Veränderung
der bestehenden Verhältnisse. Die einzige hier allgemeingültige
Strategie: Schweigen Sie nicht länger! Sprechen Sie zu einer
Vertrauensperson oder einer Fachfrau der Beratungsstelle Tvrl
(auf Wunsch anonym oder per Telefon). Die Beraterinnen unterstehen der
Schweigepflicht und behandeln die von Ihnen erhaltenen Informationen
vertraulich. |
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